Institut für Psychologie | Fakultät V | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Forschung.

Forschungsthemen des Lehrstuhls für Sozialpsychologie

Zentrale Lebensbereiche von Individuen werden durch ihre Mitgliedschaft in sozialen Gruppen bestimmt. Eigenes Erleben und Verhalten wird wesentlich durch Strukturen und Prozesse der Beziehungen innerhalb der eigenen Gruppe sowie zwischen der eigenen Gruppe und fremden Gruppen beeinflusst. Sowohl individuelle Sichtweisen wie auch die Bereitschaft zu individuellem oder kollektivem Handeln haben unter anderem hier ihre Wurzeln.

Der Forschungsschwerpunkt Gruppenprozesse am Lehrstuhl für Sozialpsychologie der Universität Jena setzt sich zum Ziel, theoretische und empirische Zugänge zur Erfassung von Beziehungen innerhalb und zwischen Gruppen in ihrem Einfluss auf menschliches Verhalten zu erforschen und auf diese Weise grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse sowie Kompetenz zur Intervention bei Konflikten und Problemlagen in diesen Bereichen zu fördern. So interessieren Fragen nach der Genese und Veränderung von Gruppen, ihre Bedeutung für die Identität von Individuen sowie damit einhergehende soziale Repräsentationen und Verhaltensbereitschaften. Im besonderen geht es um die Untersuchung der Entstehung und Veränderung von Konflikt und Kooperation, deren Bedingungen, Eigenschaften und Konsequenzen.

Parallel dazu sind Wahrnehmungen der Intergruppensituation, Einstellungen ihr gegenüber und damit einhergehende Verhaltensweisen zu unterscheiden, die ganz allgemein mit den Begriffen von Diskriminierung und Toleranz und weitergehend mit Feindseligkeit und Aggression versus Akzeptanz und sozialer Unterstützung umschrieben werden können. Hier interessieren wiederum Fragen des Zusammenhangs zwischen Diskriminierung oder Toleranz als Einstellung und entsprechenden Manifestationen im Verhalten eben in Form von Feindseligkeit oder gar Gewalt oder Bevorzugung und sozialer Unterstützung bzw. Bereitschaft zu solidarischen Akten. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach den Veränderungen oder gar Transformationen von Toleranz in Diskriminierung und Ablehnung oder auch umgekehrt.

Aktuelle Forschungsprojekte:

  • Franz Neyer
  • Thomas Kessler
  • Stefanie Hechler

Für menschliche Gesellschaften ist ein hohes Maß an Kooperation charakteristisch. Kooperation birgt das Risiko, dass einzelne Individuen von der Kooperation anderer profitieren ohne Gegenleistungen zu bringen. Um Kooperation aufrecht zu erhalten, müssen Gruppenmitglieder Betrug wahrnehmen und erinnern können, um diese zu bestrafen oder künftig zu vermeiden. Empirische Evidenz zu Betrugsentdeckung und Gedächtnis kommt bisher ausschließlich aus interpersonalen Kontexten. Deshalb untersuchen wir Betrug im Intergruppenkontext. Wir erwarten, dass eine bessere Gedächtnisleistung für Betrüger nur innerhalb der Eigengruppen zu finden ist, wogegen Information über Fremdgruppen insgesamt eher kategorial verarbeitet wird. Wir erwarten zudem, dass das Gedächtnis für Eigengruppenbetrug stärker individuell variiert als das Gedächtnis für Fremdgruppenbetrug. In einer ersten Untersuchungsserie sollen frühere Ergebnisse zu besserem Gedächtnis für Betrüger im Intergruppenkontext repliziert und präzisiert werden. In einer zweiten Untersuchungsserie sollen dann die Rollen des Betrügers und seines Opfers systematisch im Intergruppenkontext untersucht werden. Hier wollen wir feststellen, inwiefern der Betrüger als solcher oder der angerichtete Schaden das entscheidende Moment für bessere Gedächtnisleistungen sind. In einer dritten Studienserie soll dann die Koordination zwischen Individuen in ihrem Einfluss auf Betrugswahrnehmung und Gruppenformierung untersucht werden. Insgesamt vertiefen die drei Studienserien unser Verständnis, wie Kooperation in Eigengruppen aufrecht erhalten werden kann.

  • Martin Leiner, Jena (Leader)
  • Bertram Schmitz, Jena
  • Thomas Kessler, Jena
  • Nicole Harth, Jena
  • Mohammed S. Dajani Daoudi, Jerusalem (Leader)
  • Arie Nadler, Tel Aviv (Leader)
  • Shifra Sagy, Be’er Sheva (Leader)
  • Zeina Barakat, Jerusalem (Coordinator)
  • Martin O’Malley, Jena (Coordinator)
  • Yael Ben David, Tel Aviv/Be’er Sheva (Coordinator)
  • Michael Sternberg, Ramat Rasiel
  • Sharón Benheim, Hevel Eilot

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The project title “Hearts of Flesh – Not Stone” is a reference to an image in the Book of the Prophet Ezekiel: “I will give you a new heart and put a new spirit in you; I will remove from you your heart of stone and give you a heart of flesh” (36:26). The image, which is significant for Jewish, Christian and Muslim cultures, gives insight into the central questions of this project which seeks to understand the movement of individuals and groups from lesser to greater willingness for reconciliation. Working in a transdisciplinary manner, we expect major results to impact understanding of reconciliation. The second major result impacts society; we want to deepen the understanding on how encounter groups can lead to greater willingness to reconcile. The project analyses individuals and groups experiencing the “suffering of the other” as a means for understanding how and why groups may become more or less open to reconciliation. This single question forms the focus of the project, which is addressed via three theoretical/methodological approaches:
A. Encountering the suffering of the other (ESO) “experientially”
B. Analyzing the ESO through social psychological experiments
C. Conceptual analysis of the ESO through theological/sociological/political disciplines
The first approach (A) explores the ESO before, during and immediately after the experience as well as one year later, during which the participants will live in their own home community. The study will carefully examine the possible changes among the Palestinian and the Jewish-Israeli participants, especially regarding two central indicators reflecting willingness to reconcile:
1. acceptance of the “other” identity needs
2. perceptions of collective narratives of the in-group and “other” group.
In addition to assisting in the ESO itself, the second approach (B) addresses the question with the models and experiments of social psychology. The final approach (C) addresses the question on a more theoretical level. It examines the groups’ beliefs, attitudes, goals, narratives and their relative power positions – all elements which comprise and influence their social imaginations and group identities. In proposing such a study, we emphasize quite strongly that we are not comparing or equating the suffering of the two groups in any way.

  • Thomas Kessler
  • Katrin Obst
  • Daniel Seewald

Autoritarismus wird im Alltag und der Forschung verstanden als Festhalten an Konventionen und Traditionen, Unterordnung unter Autoritäten und Abneigung gegenüber Abweichlern und Fremdgruppen. Die Forschung zeigt stabile Korrelationen von Autoritarismus und unterschiedlichen Vorurteilen. Sozialpsychologische Prozesse, die dem Autoritarismus unterliegen und diese Korrelation erklären könnten, wurden dabei meist nicht berücksichtigt. Der vorliegende Antrag schlägt eine neue Konzeptualisierung von Autoritarismus basierend auf allgemeinen Gruppenprozessen vor und entwickelt ein Forschungsprogramm mit dem einige zentrale Annahmen dieser Weiterentwicklung überprüft werden können. Ausgehend von Altemeyers Right Wing Authoritarianism (1981) werden grundlegende psychologische Prozesse des Konventionalismus, der autoritären Submission und der autoritären Aggression vorgeschlagen. Das Forschungsprogramm soll zeigen, dass die Bestrafung von Eigengruppennormabweichlern ein allgemeines Charakteristikum des Autoritarismus ist, das sich unabhängig von spezifischen politischen Ideologien gegen abweichende Individuen oder Gruppen richten kann. Bestrafung von Eigengruppennormabweichlern führt einerseits zu den bekannten Vorurteilen und Diskriminierung, erhöht andererseits aber auch die Kohäsion und Kooperation innerhalb der Eigengruppe. Ferner untersuchen wir, inwiefern Autoritarismus gruppenspezifisch ist sowie die Prozesse innerhalb der Eigengruppe, durch die spezifische und generelle Vorurteile erklärt werden können. Außerdem werden wir die Bedingungen untersuchen, unter denen die Bestrafung von Eigengruppennormabweichlern als autoritär wahrgenommen wird.

  • Prof. Dr. Andreas Beelmann, Forschungssynthese, Intervention und Evaluation
  • Prof. Dr. Thomas Kessler, Sozialpsychologie
  • Prof. Dr. Franz J. Neyer, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik (Sprecher)
  • Prof. Dr. Peter Noack, Pädagogische Psychologie (Sprecher)
  • Prof. Dr. Klaus Rothermund, Allgemeine Psychologie II
  • Prof. Dr. Melanie C. Steffens, Soziale Kognition und Kognitive Psychologie

Mobilität – die ständige oder zeitlich befristete, selbstgewählte oder erzwungene Veränderung des Wohnorts – zählt zu den zentralen Herausforderungen und Chancen für die individuelle Lebensgestaltung im 21. Jahrhundert. Mobilitätserfahrungen können die Identität eines Menschen bereichern, aber auch in Frage stellen. Gleichzeitig kann die Identität eines Menschen ausschlaggebend dafür sein, ob überhaupt Mobilitätsentscheidungen gefällt werden. Damit kann die Wechselwirkung zwischen Mobilität und Identität erhebliche Konsequenzen für das einzelne Individuum sowie für die Gesellschaft insgesamt nach sich ziehen. Die psychologischen Implikationen räumlicher Mobilität sind bislang jedoch kaum erforscht. Mit dem Projekt soll die Grundlage für ein Forschungsprogramm gelegt werden, in dem erstmals Mobilität systematisch aus entwicklungs-, persönlichkeits- und sozialpsychologischer Perspektive untersucht wird. Das Projekt soll zunächst in einen DFG-Antrag für ein Graduiertenkolleg und in einem weiteren Schritt für eine Forschergruppe münden; beteiligt sind Lehrstühle der Jenaer Psychologie mit vorwiegend entwicklungs- (Beelmann, Noack, Rothermund), persönlichkeits- (Neyer) sowie sozialpsychologischer Ausrichtung (Kessler, Steffens).

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